Geschichte

Sinn und Werden der religiös-sozialen Bewegung

Die Religiös-Sozialistische Vereinigung hält fest daran, dass ein gewaltfreies Miteinander von Menschen und die Abschaffung von Kriegen möglich ist und dass Dialog und politische Lösungen nachhaltiger sind als die Sprache der Waffen. Sie hält daran fest, dass religiöse Traditionen wertvolle Ressourcen für Kulturen und das Zusammenleben von Menschen und Mitwelt sind, dass sie zu Freiheit, Gerechtigkeit und einem aufrechten Gang ermutigen können und den Widerstand gegen lebensfeindliche Strukturen und Entwicklungen in Wirtschaft, Politik und Institutionen wachhalten.

Die Geschichte der Religiös-Sozialistischen Bewegung ist mit berühmten Personen verbunden, aber getragen wurde sie von vielen Frauen und Männern, die den Mut hatten zur Widerrede und zum Widerstand. Am Anfang der religiös-sozialen Bewegung stehen die Theologen Christoph Blumhardt (1842-1919) in Deutschland und Leonhard Ragaz (1868-1945) in der Schweiz. 

Blumhardt verlor 1899 sein Amt als Pfarrer, weil er sich für streikende Arbeiter eingesetzt hatte und der SPD beigetreten war. Ragaz gab 1921 seine Theologieprofessur auf, um sich ganz der Friedensbewegung und der Arbeiter- bewegung zu widmen. Die damalige Frauenbewegung hatte in der religiösen Sozialistin Clara Ragaz-Nadig (1874-1957) eine wichtige Stimme. Neben diesen und vielen anderen Christinnen und Christen für den Sozialismus gab es auch eine jüdische Tradition des Religiösen Sozialismus, deren bedeutendster Vertreter Martin Buber (1878-1965) war. Der Religiöse Sozialismus lehnte den Staatssozialismus ebenso ab wie den "roten Militarismus" und entwickelte statt dessen die Vision eines demokratischen, genossenschaftlichen, pazifistischen, ökologischen und auch schon feministischen Sozialismus.

 

Gründung der Religiös-Sozialistischen Vereinigung (Resos)

In der Schweiz trat 1906 erstmals eine Religiös-Soziale Konferenz zusammen, und im selben Jahr folgte die Gründung der "Neuen Wege", die zur Zeitschrift dieser Bewegung wurden. 1989 fusionierte die Religiös-Soziale Vereinigung mit den – von der Befreiungstheologie geprägten – Christinnen und Christen für den Sozialismus zur Religiös-Sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz.

 

Religiöser Sozialismus als Theologie der Befreiung

Willy Spieler hat den religiösen Sozialismus ausgehend von Leonhard Ragaz als eine Reich-Gottes-Bewegung skizziert, die die Weltwirklichkeit vor Augen hat und in ihr das Reich Gottes aufbrechen sieht. Darin erkennt Spieler eine Befreiungstheologie "avant la lettre" (siehe pdf "Beitrag Willy Spieler" unter weitere Literatur oben rechts)

Der religiöse Sozialismus folgt der Idee einer herrschaftsfreien Gütergemeinschaft, wie sie immer wieder von christlichen, oft verketzerten Gruppen gelebt wurde, und wendet sich gegen Formen und Auswirkungen von Staatskirchentum. Er ist in seiner Orientierung nicht vorrangig "religiös".

Spieler zeichnet an einigen Persönlichkeiten die Entwicklungen und Entfaltungen des religiösen Sozialismus nach. Er verweist auf jüdische und katholische Bezugspersonen und arbeitet die Bezüge zur Arbeiter-, Friedens- und Frauenbewegung heraus.

 

Und heute?

Spielers Artikel stellt die Tradition des religiösen Sozialismus in grossen Linien dar. 
Fast zwanzig Jahre später lassen sich an ihm einige Fragen ablesen, die sich durch Verschiebungen in der Zeitgeschichte bzw. im Zeitgeschehen ergeben: 

Wie religiös soll religiöser Sozialismus in einer immer weniger "religiös" geprägten Gesellschaft sein? Einst ein Kontrapunkt zur selbstverständlichen Trennung von säkularer Welt und religiöser Botschaft, Widerstandspol gegen Kirchenobrigkeiten, ist dem religiösen Sozialismus der alte Gegner in seiner Greifbarkeit abhanden gekommen. 

Sollte der religiöse Sozialismus entschiedener religiös auftreten und das Religiöse des Reiches Gottes im Säkularen sichtbar machen? Oder sollte er umgekehrt die Forderung nach einer Allmendestruktur der Wirtschaftsverhältnisse zurück in die Kirchen tragen? Mit welchen Gruppen und Visionen verbündet sich der Religiöse Sozialismus heute?

Der Kapitalismus hat sich in seiner Menschenfeindlichkeit total entlarvt, aber auch der Sozialismus hat seine Überzeugungskraft durch das Scheitern ganzer sozialistischer Staatsentwürfe und -praxis eingebüsst. Die "Arbeiterschaft", vor die sich Ragaz und seine MitstreiterInnen stellten, gibt es so nicht mehr. 

Die Nähe zu Friedensbewegungen ist stark, wird aber zumindest in der Zuspitzung auf Pazifismus, aber auch bei Diskussionen um Aufrüstung und Sicherheitspolitik hart auf die Probe gestellt. Die Verbindungen zur Frauenbewegung sind historisch vorhanden, aber das Gesamterbe des religiösen Sozialismus atmet eine Zeit, die viele moderne Fragen der Geschlechterbeziehungen und Gleichstellung nicht kannte.

Weitere Literatur

Für die Freiheit des Wortes

von Willy Spieler, Stefan Howald, Ruedi Brassel-Moser

Neue Wege durch ein Jahrhundert im Spiegel der Zeitschrift des religiösen Sozialismus

2009, 440 Seiten, 17.0 x 24.5 cm, Hardcover mit s/w-Abbildungen
ISBN 978-3-290-17415-6
CHF 48.00 - EUR 32.00 - EUA 32.90

Seit 1906 bringt die Zeitschrift «Neue Wege» Monat für Monat das Spannungsfeld zwischen dem Reich-Gottes-Glauben und dem Weltgeschehen zur Sprache. Die Besichtigung dieses Jahrhunderts im Spiegel der «Neuen Wege» dokumentiert nicht nur die Entwicklung der religiös-sozialen Bewegung und das vielfältige Engagement für einen freiheitlichen und genossenschaftlichen Sozialismus. Sie zeigt zudem die frühe Sensibilität für ökologische Fragen, für die Gleichberechtigung von Frau und Mann, für den Dialog mit dem Judentum oder für die Befreiungstheologie. 

Ganz besonders dienten die «Neuen Wege» aber auch stets dem beharrlichen Ringen um Frieden und gewaltfreie Formen des Widerstands. Während des 2. Weltkriegs führte die unbestechliche Haltung des damaligen Redaktors Leonhard Ragaz gar dazu, dass die Zeitschrift der Zensur zum Opfer fiel. Im Kampf für die Freiheit des Wortes erschienen die «Neuen Wege» aber illegal weiter.

Ein perspektivenreiches Lesebuch zur Geschichte des letzten Jahrhunderts mit Textauszügen und Porträts von Autoren und Autorinnen.

 

Autoren

Willy Spieler, Jahrgang 1937, ist Publizist und war von 1978 bis 2008 Redaktor der «Neuen Wege».

Stefan Howald, Jahrgang 1953, Studium der Germanistik und Geschichte, ist Journalist und Buchautor.

Ruedi Brassel-Moser, Dr. phil., Jahrgang 1955, Historiker, Mitarbeiter am Historischen Lexikon der Schweiz, zahlreiche Publikationen zur Geschichte der politischen Kultur und der historischen Friedensforschung, Landrat Kanton BL.